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Mythos Nr. 19: Dass Katzen oft sehr ängstlich sind, ist normal.

Katzen sind Raubtiere. Einerseits. Andererseits sind sie auch ziemlich klein und können leicht anderen Beutegreifern zum Opfer fallen. Hunde, Füchse und auch wir Menschen können ihre Feinde sein. Das zusammen macht den fast einzigartigen Charakter unserer Katzen aus: Mutig erbeuten sie wehrhafte Ratten, neugierig werden sämtliche Dinge erkundet, aber wehe wir holen den Staubsauger raus, dann sind unsere kleinen Napoleons nicht mehr gesehen. Wir akzeptieren bei Katzen viel stärker als zum Beispiel bei Hunden und Pferden, dass sie in gewissen Situationen Angst haben und für uns dann nicht mehr zugänglich sind. Und ja, Vorsicht liegt in der Natur der meisten Katzen. Aber warum trainieren wir mit anderen Tierarten, desensibilisieren sie, achten auf ausreichend Erfahrungen in der Prägungsphase, und machen das mit Katzen nicht?

Nicht immer bekomme ich bei meinen Besuchen die Katzen, um die es geht, zu Gesicht. Manche haben große Angst vor fremden Menschen, da sie nicht generalisieren konnten, dass Menschen eigentlich grundsätzlich schon okay sind. Andere haben Angst vor lauten Geräuschen, vor manchen Situationen, prinzipiell können Katzen allem gegenüber sehr ängstlich reagieren. In Extremfällen leben diese Tiere dann permanent unter dem Sofa oder auf einem Schrank, da das die einzigen Orte sind, an denen sie sich noch halbwegs sicher fühlen. Und ganz oft lassen wir Menschen sie dort und akzeptieren es, da die Katzen dort schließlich freiwillig sind und zu uns kommen könnten, wenn sie es wollen würden. Hm. Ich weiß nicht, wie viele Menschen mit Angststörungen „freiwillig“ zehn Stockwerke hochlaufen, da sie es nicht schaffen, den Aufzug zu betreten.

Ängstliche Katze verknüpfen mit spezifischen Situationen Gefahr und sorgen von vornherein dafür, dass ihnen nichts passieren kann, zum Beispiel indem sie sich verstecken. In diesem sicheren Rückzugsort können sie jedoch nicht die Erfahrung sammeln, dass die potenzielle Gefahr gar nicht schlimm ist, weil sie sich der Situation dadurch entziehen. Folglich werden sie ihr Verhalten auch nicht ändern, da die Versteck-Strategie ja ganz gut funktioniert. Bitte jetzt bloß nicht auf die Idee kommen, das Versteck zu verschließen, damit sich die Katze der Situation aussetzen muss! Das ist in den allermeisten Fällen viel zu großer Stress und bewirkt nur das Gegenteil. Eine gestresste Katze kann nicht lernen! Eine Desensibilisierung muss sorgsam und in vielen kleinen Schritten durchgeführt werden. Manchmal ist es auch ratsam, Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel zu geben, damit so ein Training überhaupt möglich ist.

Katzen mit übermäßig großer Angst schränken ihren Lebensraum oft sehr ein. Sie können nicht an allen geselligen Situationen mit uns Menschen teilhaben, die andere Katzen wiederum genießen würden. Sie haben oft nicht die gleiche Lebensqualität wie entspanntere Artgenossen. Daher lohnt es sich in jedem Fall, mit ihnen zu trainieren und ihnen stückweit ihre Angst zu nehmen.

Das Beste ist selbstverständlich, solche Ängste gar nicht entstehen zu lassen. Wenn wir Einfluss darauf haben, sollte das kleine Kätzchen in der Prägephase so viele unterschiedliche positive Erfahrungen machen, wie es nur geht. Dazu gehören das Kennenlernen von unterschiedlichen Menschen, ganz verschiedenen (Alltags-)Situationen und vieles mehr: Autofahrten, öffentliche Verkehrsmittel, Tierarztbesuche, gesicherte Spaziergänge in der Natur oder was wir später sonst noch so vorhaben mit unseren Vierbeinern. Mit Hunden wird das ganz selbstverständlich gemacht, warum nicht auch mit unseren Katzen?